WiF -
Wiener Forum - 3.11.2007
Buchtipp: Winfried Wolf:
VERKEHR - UMWELT - KLIMA
Die Globalisierung des Tempowahns
ISBN 978-3-85371-271-9, br., 496 S., ca. 34,90 Euro, 58,50 sFr.
Ein Mensch legt heute im Jahr mit 12.000 Kilometern eine doppelt so
lange Wegstrecke zurück wie vor 30 Jahren. In einem Joghurtbecher
stecken 2007 rund 50 Prozent mehr Transportkilometer als im Jahr 1987.
Die Verfügbarkeit von Waren aus aller Welt an jedem Ort zu
Dumpingpreisen wird als persönliche Bereicherung und kultureller
Fortschritt empfunden. Nicht der "Verkehr an sich" wächst. Der
Schienenverkehr, der Verkehr mit öffentlichen städtischen
Verkehrsmitteln, die Verkehrsarten Gehen und Radfahren sind weltweit
rückläufig. Ein massives Wachstum gibt es im Straßen-, Luft- und
Seeverkehr, also bei denjenigen Verkehrs- und Transportformen, die auf
Öl und seinen Derivaten (Benzin, Diesel, Kerosin und Bunkeröl) basieren.
Es handelt sich um Verkehrsarten, die Umwelt und Klima stark belasten.
Die Struktur der globalisierten Ökonomie ist die Grundlage für diese
Verkehrsentwicklung.
Winfried Wolf zeichnet die Geschichte des Verkehrs seit der
Industrialisierung nach. Der Autor sieht in der gegenwärtigen Struktur
des Transportsektors die Konkretisierung des modernen Kapitalismus: die
Entfremdung der Individuen und die Verwirklichung des Prinzips
"Privatisierung der Profite und Vergesellschaftung der Verluste". Für
ihn stellt der explosionsartige Anstieg der Transporte auf
Containerschiffen, zu dem es in den vergangenen zwei Jahrzehnten
gekommen ist, den Kern der Globalisierung dar. Erst die stoffliche
Verdichtung der Warenströme, der wiederum die enorme Beschleunigung und
Verbilligung der Transporte zugrunde liegt, ermöglichte die heute so
charakteristische extrem arbeitsteilige Produktionsweise.
Das vorliegende Buch liefert die notwendige Hintergrundinformation, um
die Grundlagen des Klimawandels verstehen zu können. Die Globalisierung
des Tempowahns trägt zu einem erklecklichen Teil zur Vernichtung von
Lebensgrundlagen bei. Winfried Wolf plädiert für eine radikal andere
Verkehrspolitik: Die pro Person zurückgelegten und die je Ware
beinhalteten Kilometer können und müssen radikal reduziert werden.
Allein eine solche Mobilitäts-Utopie ist zukunftsfähig.
Mit "Verkehr - Umwelt - Klima" legt Winfried Wolf, aufbauend auf seinem
erstmals 1992 erschienenen Klassiker "Eisenbahn und Autowahn", ein neues
Standardwerk zur Geschichte und Gegenwart des Verkehrs vor.
Der Autor:
Winfried Wolf, 1949 geboren, Diplompolitologe und Dr. phil., lebt und
arbeitet als freier Journalist bei Berlin. Zwischen 1994 und 2002 war er
Abgeordneter des Deutschen Bundestages und dort Mitglied des
Verkehrsausschusses. Wolf ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats
von Attac-Deutschland, Mitherausgeber der Zeitung gegen den Krieg und
Sprecher der Bahnfachleutegruppe Bürgerbahn
statt Börsenbahn.
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Auszug aus Winfried
Wolf: Verkehr - Umwelt - Klima
Die Globalisierung des Tempowahns
Viele Tausende Jahre lang bewegten sich die
Menschen mit vergleichbar
geringen Geschwindigkeiten, gewissermaßen mit
Bodenhaftung. Seit dem
massenhaften Einsatz von Eisenbahnen hat sich die Erdverbundenheit
relativiert. Auto und Flugzeug haben diese Tendenz beschleunigt und
verallgemeinert: Die Menschen bewegen sich auf dem Globus in ständig
beschleunigter Gangart. Heines Feststellung, wonach mit den Eisenbahnen
?die Elementarbegriffe von Zeit und Raum ? schwankend geworden� sind2,
bezieht sich gewissermaßen auf die ?gefühlte
Raum- und Zeitlosigkeit�.
In Wirklichkeit bleiben Raum und Zeit feste
Bezugsgrößen. Allerdings
sind die rasanteren Gangarten mit einer Bewusstlosigkeit hinsichtlich
der Zeit und mit einer Rücksichtslosigkeit gegenüber Natur und Klima
verbunden.
I.
In den vergangenen 350 Jahren kam es zu vier Transportrevolutionen. In
großen Teilen Europas und in Nordamerika gab es mit den ab dem 17.
Jahrhundert errichteten Kanalsystemen eine erste Transportrevolution,
die zunächst bestimmend für die industrielle Revolution war. Während bei
den vorausgegangenen Verkehrsformen der
durchreiste Raum als lebendige
Einheit wahrgenommen wurde � Menschen, Pferde
und Kutschen waren in die
Natur eingebunden �, erschienen die Kanäle wie
durch den Raum hindurch
geschlagen. Zeitgewinne resultierten aus
verkürzten Wegen. Die
Eisenbahnen als zweite Transportrevolution wurden ab dem Beginn des 19.
Jahrhunderts in englischen Bergwerken eingesetzt. Sie wurden aus zwei
Gründen als veritabler Einbruch empfunden: Erstens kam es zu einer
qualitativen Steigerung der Transportgeschwindigkeit � im Vergleich zur
Kutsche zu einer Verdreifachung. Zweitens war
die Energie, mit der die
Lokomotiven betrieben wurden, nicht mehr auf
menschliche und tierische
Kraft oder auf den Wind zurückzuführen, sondern
auf die Dampfkraft.
Diese Energiequelle beschleunigte nun auch die industrielle Revolution.
Anfang des 20. Jahrhunderts begann mit dem massenhaften Einsatz von Pkws
und Lkws in Nordamerika die dritte Transportrevolution. Diese ist mit
einer weiteren neuen Energiequelle verbunden: der Verbrennung von Öl und
seinen Derivaten Diesel und Benzin. Die vierte Revolutionierung der
Verkehrsorganisation findet mit der Luftfahrt statt. Seit Ende des 20.
Jahrhunderts haben die Liberalisierung des Flugverkehrs und das
Aufkommen so genannter Billigflieger den Flugverkehr immens gesteigert
und verallgemeinert.
II.
Anders als im Fall der Eisenbahnen setzten sich das Auto und das
Flugzeug weltweit stark phasenverschoben und innerhalb eines Zeitraums
von fast hundert Jahren durch � Anfang des 20. Jahrhunderts in
Nordamerika, nach dem Zweiten Weltkrieg in
Westeuropa, seit den 1980er
Jahren in Mittel- und Osteuropa und
Lateinamerika und mit der
Jahrhundertwende in China, Indien und der übrigen Welt. Die
Verallgemeinerung dieses Verkehrsmodells war nur dadurch möglich, dass
die Eisenbahnen in der Fläche und andere schienengebundene
Verkehrsmittel in den Städten als bestimmende Massenverkehrsmittel an
den Rand gedrängt wurden. Der Aufstieg von Auto und Flugzeug erfolgte
weitgehend parallel mit dem Aufstieg der USA zur führenden Wirtschafts-
und Militärmacht. Unter den 500 größten Konzernen der Welt ist die
Öl-Auto-Flugzeug-Gruppe die bestimmende. Erst wenn dieser stofflichen
Seite der Kapitalkonzentration Rechnung getragen wird, können die
Grundlagen der tiefen ökologischen Krise und die drohenden zukünftigen
ökonomischen und militärischen Erschütterungen
des ?fossilen
Kapitalismus verstanden werden.
III.
Wenn in Indien und China nur die Pkw-Dichte
erreicht wird, die es 1989
auf dem Gebiet der DDR gab, verdoppelt sich die
Zahl der Autos weltweit.
Diese Zielmarke � ein Auto auf vier Personen � wird für das Jahr 2020
angepeilt. Zusammen mit dem schnell steigenden
Flugverkehr kommt es
allein hierdurch zu einem Anstieg der
Treibhausgase, der die Ansätze zur
weltweiten Reduktion der klimaschädigenden Gase konterkariert.
China und Indien als Länder hinzustellen, die das Weltklima bedrohen,
ist allerdings grotesk angesichts der Tatsache, dass die
Automotorisierung in dieser Region dem westlichen Modell folgt und vor
allem von den Autokonzernen in den USA, Japan und Westeuropa
vorangetrieben wird. Die gegenwärtige Struktur der weltweiten
Automotorisierung hat weiterhin neokolonialen Charakter: Von den im Jahr
2005 weltweit registrierten 640 Millionen Pkws konzentrieren sich 452
Millionen oder gut 70 Prozent auf die Regionen Nordamerika, Europa,
Japan, Australien und Neuseeland, in denen nur 17 Prozent der Menschen
leben. Etwas plastischer: In den vier deutschen Bundesländern
Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen rollen mehr
Pkws als in Indien und China. Für den besonders klimaschädlichen
Flugverkehr gilt: Die Hälfte der gesamten weltweiten Verkehrsleistung im
Flugverkehr entfällt allein auf den Binnenflugverkehr innerhalb der USA.
IV.
Der Verkehrssektor vermittelt die stoffliche Verbindung der globalen
Warenwelt und der internationalen Mobilität. In der Folge gibt es
Globalisierung seit der ersten Transportrevolution. Zwischen 1700 und
1800 hat sich die Tonnage der aus englischen Häfen auslaufenden Schiffe
versechsfacht. Zwischen 1830 und 1910 wurde der Welthandel um das
Zwanzigfache gesteigert. 1913 wurden auf den Dampfschiffen zwischen
Europa und Nordamerika bereits 2,5 Millionen Reisende gezählt. Der
Globalisierungsprozess wurde im 20. Jahrhundert durch die zwei
Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise 1929-1932 zurückgeworfen; 1950
lag der Welthandel auf dem Niveau von 1913. In den ersten drei
Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Globalisierung
fort. Seit den 1980er Jahren hebt der Welthandel von den Binnenmärkten
förmlich ab: Zwischen 1980 und 2000 hat sich das weltweite
Bruttoinlandsprodukt rund verdoppelt. Der Welthandel wuchs im selben
Zeitraum um das Dreifache. Noch größer war das stoffliche, physische
Wachstum in Form der umgeschlagenen Tonnage in den großen Seehäfen.
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