OFFNER BRIEF: LOBAUAUTOBAHN
Sehr geehrter Herr Bezirksvorsteher!
In Ihrem Artikel in der Donaustädter Bezirkszeitung Nr. 12/2006 schreiben
Sie, es sei bezüglich Lobaubesetzung endlich "Zeit für die Vernunft..." In
der Ausdrucksweise geben Sie sich zwar etwas vornehmer als Ihr großer Chef
Michael Häupl im Wiener Rathaus, aber in der Sache selbst beweisen Sie
nicht weniger Härte und Unverständnis.
Ihre Sicht der Verkehrspolitik, die u.a. den Lobautunnel
beinhaltet, als die gebotene Vernunft, die letztlich
siegen soll, hinzustellen bedeutet indirekt dass Sie die Sicht der
Aubesetzer und tausender Bürger als unvernünftig einstufen. Damit
entziehen Sie einem Dialog von vornherein die Basis.
Ihre "Vernunft" besagt also, dass man den Nationalpark,
wie Sie schreiben, "nahezu gänzlich unberührt lässt," wenn man an dessen
Rande permanent die Abgase von täglich mehr als zusätzlichen 50 000 Autos
aus einem 8,5 km langen Tunnel ungefiltert ausbläst.
Ihre "Vernunft" besagt wohl ebenso, dass jenes
Verkehrskonzept, das u.a. die Nordostumfahrung mit Lobautunnel
beinhaltet, Teil der "einzigen möglichen" Lösung der regionalen
Verkehrsprobleme ist. Im "Monitoring Bericht zur SUPer NOW" von der
Monitoring-Gruppe der Wiener Umweltanwaltschaft kommen die zuständigen
Experten allerdings zu gegenteilige Erkenntnissen:
„Mit solch einer
Korridorführung sind massive negative Auswirkungen auf
die verkehrliche Entwicklung im 22. Bezirk zu erwarten und der
Trend
eines Speckgürtels an der Stadtgrenze durch eine dezentrale
Siedlungsentwicklung wird verstärkt werden, (...) Dadurch ist auch nicht
zu erwarten, dass die Zunahme der Verkehrsleistungen des motorisierten
Individualverkehrs verringert werden kann, sondern es wird vielmehr mit
einer starken Zunahme zu rechen sein. (...) Die alten Stadtkerne von
Aspern und Essling werden nicht wirklich entlastet, sondern es ist eher
zu befürchten, dass es vielmehr zu teilweise Verlagerung des Verkehrs
auf die Ortskerne kommt. Ungelöst ist auch die Situation des
Biberhaufenweges, der im Falle einer Anschlussstelle an die A22 mit
massiver Verkehrsbelastung zu rechnen hat." (Bericht
vom August 2006, Seite 17)
Meinen Sie, es ist die "reine Vernunft," wenn Sie stets
von einer einzigen Partei sprechen, die wie Sie behaupten, ihre eigenen
Interessen verfolge und dazu die Lobau zum Aufmarschgebiet mache? Bitte
sehen Sie sich um dort, es sind nicht ausschließlich Leute einer Partei in
der Lobau und Parteipolitik ist nicht das Thema. Die Aktion wird von
besorgten Bürgern und deren Initiativen getragen und die Besetzer handeln
in Solidarität mit diesen. Hier herrscht kein "Öko-Fundamentalismus," uns
geht es um eine kostenwahre, wirtschaftliche und umweltgerechte
Verkehrspolitik, die vor allem auf den Ausbau der öffentlichen
Verkehrsmittel und den Bau von lokalen Umfahrungen setzt.
Selbst in Ihrer - zugegeben noch kurzen - Amtszeit als Bezirksvorsteher
hätten Sie längst Maßnahmen ergreifen können, "den verkehrsgeplagten
DonaustädterInnen zu ihrem Recht zu verhelfen": Sie sollten dafür sorgen,
dass auf den vorhandenen Linien zu den Spitzenzeiten am Morgen und am
späten Nachmittag genug Straßenbahnen und Busse verkehren. Wenn z.B. ein
von Groß-Enzersdorf nach Kagran fahrender Bus bereits in Eßling voll ist,
dürfen Sie sich nicht wundern darüber, dass viele Verkehrsteilnehmer in
ihrer Verzweiflung das Auto verwenden. Ich weiss durch meine Aktivitäten
und als täglicher Busbenutzer, dass viele bereit wären auf das Auto zu
verzichten, wenn sie Platz fänden im Bus. Ergebnisse meiner
Verkehrszählungen finden Sie unter
www.wienerforum.at/ Zu beachten ist dabei, dass der Verkehr von 2005
auf 2006 zugenommen hat und gleichzeitig die Anzahl der Busse die zwischen
6.00 und 8.00 Uhr stadteinwärts verkehren von 30 auf 26 bzw. 28 verringert
wurde. Meinen Sie das mit vernünftiger Verkehrspolitik?
Mag. Georg Hartl