WiF - Wiener Forum - 9.8.2005
Europäisch denken im politischen Alltag
Sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch Politikern müssen erst lernen im Alltag auch europa-politisch zu denken und zu handeln.
"Sind wir noch Herr im eigenen Haus" - fragt eine Boulevardzeitung am Wochenende angesichts einer Flut von Vorschriften und Richtlinien aus Brüssel. Dann wird ein großes Sündenregister aufgezählt, von der überbordenden Bürokratie über den Beitritt der Türkei und die unbrauchbare Verfassung bis hin zur ungerechten Vergabe von Subventionen und zur Transit-Verkehrslawine durch Österreich.
Austritt
ist keine Lösung
Warum sich WiF nicht für einen Austritt aus der EU engagiert, wurde ich letzter
Zeit wiederholt gefragt. Die Antwort ist ein klares Nein, weil damit kein
Problem gelöst würde. Man kann zwar darüber diskutieren und die Schweiz ist ein
gutes Beispiel dafür, wie es ohne EU-Mitgliedschaft geht. Bei näherem Hinsehen
wird klar, dass dabeisen oder nicht dabeisein keineswegs der entscheidende Punkt
ist. Denn gleich, ob Europa mehr oder weniger organisiert ist, in irgend einer
Form muss das Zusammenleben der Staaten funktionieren. Die geografische
Situation und die Wirtschaft mit ihrer wachsenden internationalen Verflechtung
und immer größeren Betrieben verlangen ein Zusammenwirken der Staaten in welcher
Forum auch immer, sei es aufgrund einer Union oder eines Geflechtes von
Verträgen.
Mehr
politisches Selbstbewußtsein
Entscheidend für die weitere Entwicklung auf unserem Kontinent ist, dass die
einzelnen Regionen und damit die einzelnen Bürger mit mehr Selbstbewußtsein als
bisher für ihre Anliegen und Rechte eintreten. Konkret bedeutet das zum
Beispiel, wenn wir Wiener keine Transitautobahn haben wollen durch unsere Stadt
oder an der Stadtgrenze, wo müssen wir das lautstark kundtun. Was aber geschieht
zur Zeit "Unsere" Politiker vom Bürgermeister abwärts (und auf Bundesebene)
vertreten gar nicht unsere Interessen sondern haben sich bemüht, eine
Transitautobahn in den Raum Wien hereinzuholen. Diese wollen sie uns nun als
Lösung unserer lokalen Verkehrsprobleme verkaufen. Dabei sagen uns selbst die
Planer, dass die Südosttangente durch die Nordostumfahrung fast nicht entlastet
wird.
Die Kritik an der Brüsseler Politik muss also im eigenen Bundesland beginnen. Von unseren Politikern müssen wir mehr Sachverstand und Ehrlichkeit verlangen, dann werden sie auch gegenüber der EU mit mehr Rückgrat auftreten. Angst vor der EU wäre das verkehrte Motiv. Nutzen wir hingegen unsere Chancen mit konstruktiver Kritik und vor allem mit unserer Stimme am Wahltag.
Georg Hartl